WKO-Spartenobmann Markus Roth: „In manchen Bereichen ist der AI-Act ein Riesenvorteil, aber gleichzeitig ist er eine riesige Innovationsbremse“

Von einfachen Chatbot-Abfragen bis zu vollständig agent-gesteuerten Unternehmensprozessen: WKO-Bundesspartenobmann Markus Roth erklärt, wo österreichische Betriebe beim KI-Einsatz stehen, warum Datenschutz das zentrale Hemmnis bleibt und was er vom AI-Act hält.

Beiträge von Johannes Greß
6. Juli 2026
WKO-Spartenobmann Markus Roth: „In manchen Bereichen ist der AI-Act ein Riesenvorteil, aber gleichzeitig ist er eine riesige Innovationsbremse“

Der AI-Act soll Unternehmen Orientierung geben, sorgt in der Praxis aber für Verwirrung. Markus Roth kennt beide Seiten: Er setzt in seinem eigenen Betrieb konsequent auf KI-Agents und berät gleichzeitig tausende Mitgliedsbetriebe beim Einstieg. Er spricht mir uns über die realen Use-Cases österreichischer Unternehmen, den richtigen Umgang mit Datenschutz-Unsicherheiten und darüber, warum der AI-Act zwar Vertrauen schafft, Innovation aber erschwert.


KI KOMPASS: Der Einsatz von KI-Systemen in Unternehmen reicht von einfachen Chatbot-Abfragen bis hin zu sehr ausgeklügelten KI-Strategien. Wie beobachten Sie diese Entwicklung aktuell, was sind die wesentlichen Use-Cases?

Markus Roth: Womit es angefangen hat und wo es auch jetzt bereits viele verwenden ist zur Recherche, zur Informationsaufbereitung und vielleicht zum Übersetzen von E-Mails. Wir haben das auch bei unseren Mitgliedsbetrieben in der Sparte Information und Consulting abgefragt und da sagen 82 Prozent der Personen, dass sie es für Recherche- und Informationsaufbereitung verwenden und immerhin noch 80 Prozent für Textgenerierung und Übersetzung. Gerade im Bereich Werbung haben wir das Thema der Bild– und Videogenerierung, im Bereich der wissensbasierten Dienstleister ist die Datenanalyse ein großes Thema, beispielsweise bei Finanzdienstleistern. Etwas weniger verwendet wird es aktuell noch in der klassischen Auftragsbearbeitung, also ein Bereich, in dem wirklich in unternehmerische Kernprozesse und interne Abläufe eingegriffen wird. Hier sind viele noch verhaltener, denn dort geht es schließlich ums Eingemachte.

KI KOMPASS: Wo gibt es noch Vorbehalte?

Markus Roth: Ich würde vielleicht von berechtigten Zweifeln sprechen. Die gibt es mitunter im Bereich der Qualitätskontrolle oder Modellierung. Das betrifft etwa das Ingenieurswesen, Technik, Produktion, Qualitätskontrolle.

Wir verwenden mittlerweile für fast alles Agents, zum Programmieren, zum Kommentieren, für Buchhaltungsprozesse, für die Angebotslegung.

KI KOMPASS: Wie setzen Sie KI-Systeme in Ihrem eigenen Unternehmen, creativeBITS, ein?

Markus Roth: Wir entwickeln Software für Chips, hauptsächlich für die Industrie, und wir arbeiten eigentlich in sämtlichen Bereichen mit Agentic-AI. Das heißt, wir verwenden mittlerweile für fast alles Agents, zum Programmieren, zum Kommentieren, für Buchhaltungsprozesse, für die Angebotslegung. Es gibt quasi keinen Prozess mehr im Unternehmen, der nicht von Agents durchzogen ist.

KI KOMPASS: Jetzt gibt es Betriebe, die, ich sage mal, eher IT-ferner sind, etwa der klassische Tischlereibetrieb. Welche Anwendungsmöglichkeiten und Potentiale sehen Sie in solchen Fällen?

Markus Roth: Auch wenn vielleicht der Betrieb IT-fern ist, sind es die Mitarbeiterinnen und der Mitarbeiter trotzdem oft nicht. Etwa weil sie privat KI-Tools viel verwenden und die Anwendung dann im Unternehmen anregen. Und auch für einen Tischlereibetrieb gibt es sehr, sehr viele Use-Cases, etwa im Bereich der Qualitätssicherung, für die Aufbereitung von Rohdaten, für interne Prozesse.

KI KOMPASS: Oftmals verwenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter KI-Anwendungen auch ohne Wissen der Arbeitgeberin oder des Arbeitgebers. Welche Schwierigkeiten sehen Sie hier?

Markus Roth: Ein Thema ist der Datenschutz. Wir wissen ja eigentlich nicht, was mit den Daten genau passiert. Also wir wissen, gewisse Systeme verwenden das fürs Training, gewisse Systeme sagen sie verwenden es nicht fürs Training – machen es aber trotzdem. Das ist ein sehr heikles Thema. Deshalb sagen viele, sie verwenden nur KI, die in einer sicheren Cloud-Umgebung liegt. Dadurch kann ich das Problem Datenschutz einschränken, aber häufig geht es auf Kosten der Performance, weil solche Anwendungen oftmals langsamer und weniger benutzerfreundlich sind. Von Unternehmen wissen wir, dass ihnen das Thema Datenhoheit, Datenschutz enorm wichtig ist – mehr als 90 Prozent sagen das. Oftmals aber weiß man gar nicht so recht, was man wie verwenden darf, die rechtlichen Konsequenzen sind nicht klar. 39 Prozent sagen, das hält sie wirklich vom Arbeiten ab.

KI KOMPASS: Ist das in der Praxis möglich, US-Konzerne wirklich zu umschiffen? Wir sprechen ja jetzt auch gerade über Microsoft Teams …

Markus Roth: Ja, vollkommen richtig. Natürlich geht es. Wir haben für alles Systeme. Wir könnten jetzt auch mit einem Jitsi-System, über in Österreich gehostete Systeme, über Open-Source-Systeme reden. Ich habe im letzten Jahrtausend studiert, damals hat es schon geheißen, Open Source ist der Weg, wie wir uns unabhängig machen. Damals hat jeder schon gesagt, jeder Student hat gewusst, mit Linux geht es besser. Das Problem ist, Microsoft ist halt bequemer. Also wir haben es uns halt über Jahre angewohnt und MS Teams beispielsweise ist ein integriertes System mit allem Drum und Dran, sehr benutzerfreundlich. Und ob dann wer mithört, da sagen halt dann die meisten, ist mir doch eh egal.

Ich will als Mitarbeiterin, als Mitarbeiter einfach Klarheit haben, mit welchen Tools darf ich arbeiten.

KI KOMPASS: Das heißt, es braucht für Unternehmen auch irgendwie einen pragmatischen Umgang mit solchen Tools …

Markus Roth: Das Wichtigste ist, dass die interne Nutzung von Tools in irgendeiner Form geregelt wird, eben in KI-Guidelines oder ähnlichem. Das beginnt ja oft bei Kleinigkeiten. Ich will als Mitarbeiterin, als Mitarbeiter einfach Klarheit haben, mit welchen Tools darf ich arbeiten. Darf ich zum Beispiel ChatGPT verwenden? Wie darf ich es verwenden? Wo gehe ich ein rechtliches Risiko ein? In solchen Guidelines sollten Datenschutzrichtlinien verankert sein, aber auch klare Vorgaben, um Einstiegshürden zu vermeiden: Wo kann ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Unsicherheit nehmen? Was können sie bedenkenlos verwenden? Das heißt, durch Guidelines sollte das Risiko kontrolliert werden, indem Nutzungen standardisiert und systematisiert werden.

KI KOMPASS: Der juristische Überbau unternehmensinterner Guidelines ist der AI-Act der EU. Welche Vorteile bietet der, welche Nachteile?

Markus Roth: Natürlich schafft jede Regulierung eine Art Vertrauen. Eine Art Grundvertrauen, es gibt ein Regelwerk, auf das kann ich mich verlassen. Das Gute am AI-Act ist, er sagt nicht von vornherein, KI ist schlecht, sondern der Act ist risikoorientiert, nicht jedes Risiko wird gleich behandelt. Es wird ein Unterschied gemacht, ob einfach nur ein Text übersetzt wird oder personenbezogene Daten verarbeitet werden. Indirekt zwingt uns der AI-Act auch dazu, Anwendungen aus Europa und nicht aus den USA zu verwenden. Dank dem AI-Act können wir davon ausgehen, dass Unternehmen vor problematischen Praktiken geschützt sind, es gibt klare Rollen, klare Verantwortungen.

KI KOMPASS: Also ähnlich einer Straßenverkehrsordnung …

Markus Roth: Ja, wie auf der Straße: Ich weiß, auf der Autobahn darf ich 130 km/h, auf der Landstraße 100 km/h fahren. Der Unterschied zum AI-Act ist: Auf der Autobahn sehe ich ein Schild, das mir anzeigt, ich darf jetzt statt 130 nur noch 100 km/h fahren. Den AI-Act muss ich mir durchlesen und ständig präsent haben, was ich jetzt darf und was ich nicht darf. Das ist in der Praxis aber recht komplex bzw. wird vieles erst ausjudiziert. Aber was soll ich als KMU mit der Aussage „Das wird erst ausjudiziert“ anfangen? Darf ich das jetzt – oder nicht? Also, der Nachteil des AI-Acts ist seine Komplexität.

Wir brauchen eine Möglichkeit, dass wir Dinge einfach mal ausprobieren können.

KI KOMPASS: Was heißt das konkret?

Markus Roth: In manchen Bereichen ist der AI-Act ein Riesenvorteil, aber gleichzeitig ist er eine riesige Innovationsbremse. Wenn ein Start-up ein neues Produkt entwirft, werden sie sich kaum bereits in der Entwicklungsphase sämtliche Regulierungen durchlesen. Meistens haben sie eine grandiose Idee und brennen für diese Idee, sie setzen sie um und erst beim Markteintritt kommen sie drauf, dass das bei uns gar nicht geht. Ich war kürzlich in Singapur, da sagen sie: Wir machen mal und dann schauen wir, was schiefgeht und wie wir das unter Umständen anpassen. Bei uns ist es eher umgekehrt, da wird einmal an alle Fälle gedacht, die irgendwie schief gehen könnten und nur der Rest wird übrig gelassen. In so einem Umfeld ist Innovation sehr, sehr schwer möglich. Wir sind eines der innovativsten Länder der Welt, da bin ich fest davon überzeugt, aber unsere Innovationskraft wird durch Bremsklötze und Gewichte seitens der EU geschmälert.

KI KOMPASS: Was bräuchte es denn auf EU-Ebene oder in Österreich, damit KI-Regulierungen nicht zum Hemmschuh werden?

Markus Roth: Das Erste ist sind die Regulierungen. Es gibt über 100 verschiedene digitale Regulierungen, die ein Unternehmer beachten muss, wenn er bei uns ein Produkt einführt. Das sind nationale Regulierungen, produktspezifische, Kundenschutz und so weiter – und das Schlimme ist, die sind nicht harmonisiert. Also einerseits müsste ich die alle kennen, anderseits muss ich mit Widersprüchen leben, dass beispielsweise in Regel Nummer 1 etwas anderes steht als in Nummer 5. Wir brauchen eine Möglichkeit, dass wir Dinge einfach mal ausprobieren können und wenn mal was schief geht, wenn wir mal eine Regulierung nicht einhalten, dann soll es diesen Grundsatz „beraten statt strafen“ geben. Darüber hinaus braucht es insgesamt weniger und einfachere Regulierungen. Am liebsten wären mir Regulierungen, die auf ein DINA-4-Blatt passen. Wir brauchen klare Checklisten, Musterdokumente, aus denen hervorgeht: Das darf ich, das darf ich nicht. Gerade für KMUs bräuchte es mehr Beratungsangebote und Fördermöglichkeiten. Was wir definitiv auch noch brauchen, ist eine eigenständige KI-Infrastruktur, also eigene Server und Clouds. Da hängen wir massiv hinten nach. Digitale Souveränität muss ein Standortziel werden.

KI KOMPASS: Eine lange Liste. Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Markus Roth ist Obmann der Bundessparte Information und Consulting der Wirtschaftskammer Österreich und Geschäftsführer des Softwareunternehmens creativeBITS. Die Bundessparte Information und Consulting ist zudem Herausgeber der „KI-Guidelines“, ein Leitfaden für Unternehmen zur Implementierung von KI-Systemen.

Über den Autor

Beitrag von Johannes Greß

Johannes Greß

Johannes Greß arbeitet als freier Journalist in Wien, u.a. für den Standard, ZEIT, Wiener Zeitung, New York Times. An KI interessiert ihn v.a. die politische und gesellschaftliche Dimension.