„Die Geschäftsführung sollte Leitplanken vorgeben“: Ann-Sophie Brenk (AI Factory Austria) über KI-Strategie in Unternehmen

Ann-Sophie Brenk von der AI Factory erklärt, wie KMU von dieser Initiative profitieren, was Shadow AI bedeutet und wie Vorurteile in Datensätzen vermieden werden.

Beiträge von Robert Prazak
8. September 2026
„Die Geschäftsführung sollte Leitplanken vorgeben“

Von der Theorie in konkrete Geschäftsmodelle, darum kümmert sich Ann-Sophie Brenk bei der AI Factory Austria. Im Interview erläutert sie, wie KMU von dieser nationalen Initiative profitieren, welche Rolle europäische Souveränität bei der Umsetzung spielt und was nun für Gender Balance getan wird.

Interview mit Ann-Sophie Brenk

Rolle: AI Business Lead bei der AI Factory Austria (AI:AT), zuständig für den Brückenschlag zwischen Technologie und Einsatz in Unternehmen.

Thema: Wie Unternehmen von losen KI-Pilotprojekten zu einer strategisch geplanten und wirtschaftlich sinnvollen Nutzung kommen.

Relevanz: Die EU-geförderte AI Factory Austria verschafft österreichischen Unternehmen Zugang zu praxisnaher KI-Expertise und zu Supercomputing-Ressourcen. Brenk erklärt, welche Leitplanken die Geschäftsführung setzen sollte, warum ein Pilotprojekt strategisch ausgewählt gehört und woran KI-Projekte in der Praxis scheitern.

KI KOMPASS: Gender Balance spielt bei den Diskussionen um KI eine untergeordnete Rolle. Dabei wissen wir ja, dass KI auch in diesem Bezug Vorurteile übernimmt und Frauen zudem in KI-Jobs unterrepräsentiert sind. Wann wird es hier Ausgeglichenheit geben?

Ann-Sophie Brenk: Hoffentlich innerhalb der nächsten zehn Jahre, denn es gibt viele Initiativen in Österreich, die das Ziel haben, Frauen im KI-Bereich zu stärken. Zum Beispiel She goes AI, die nationale Initiative der Bundesregierung zur Stärkung von Frauen im KI-Bereich. Weitere Vereine wie Women in AI, Women in ICT oder unser Verein, Women in Health IT zielen auf mehr Gender Balance im Digitalisierungsbereich ab. Der Bedarf ist jedenfalls da und das ist allen klar. Es gibt Studienergebnisse, die aussagen, dass nur 22 Prozent der Fachkräfte im KI-Bereich weiblich sind, also noch weit weg von den angestrebten 50 Prozent. Außerdem zeigt sich, dass Frauen ihr Wissen zum Thema KI als sehr gering einschätzen. Und obwohl diese Zahlen verdeutlichen, dass vor allem Frauen sich zu KI-Weiterbildungsformaten anmelden sollten, sehe ich in der Praxis in meinen KI-Workshops überwiegend männliche Teilnehmer.

KI KOMPASS: Dazu kommen die Vorurteile, die in KI stecken. Ein Problem, das sich nicht leicht lösen lassen wird, oder?

Brenk: Ja, leider. In vielen Bereichen sind Vorurteile in Datensätzen ein großes Problem, zum Beispiel im Personalbereich oder in der Versicherungsbranche. Vor allem, wenn die KI eingesetzt wird, um eine personenbezogene Entscheidung zu treffen. Beispiel: Die KI soll eine Vorauswahl bei Bewerbern durchführen. Entscheidet sie sich auf Grundlage der bisherigen Daten für den Mann oder die Frau? Durch Bias in Daten verstärkt sich die Gender Dysbalance nur weiter.

Man kann heute durch Vibe Coding Prototypen und Webseiten bauen, ohne eine Zeile Code geschrieben zu haben.

KI KOMPASS: Auch in den sogenannten MINT-Fächern sind Männer dominant, es beginnt also schon bei der Bildung. Wie kann man da etwas ändern?

Brenk: Indem man schon früh bei Mädchen und jungen Frauen das Klischee entkräftigt: KI ist tech-lastig und Tech sei ein Männerthema. Durch Mentorinnen-Programme und Events wie dem Female Tech Summit versuchen wir genau diese Zielgruppe für KI zu begeistern. Wir machen deutlich, dass man nicht mehr programmieren muss und jene klassischen Tech-Skills von früher, die man eher männlichen Fachkräften zugeschrieben hat, nicht mehr beherrschen muss. Es hilft natürlich, zu verstehen, wie man Code liest, aber man kann heute durch Vibe Coding Prototypen und Webseiten bauen, ohne eine Zeile Code geschrieben zu haben. Sobald sich junge Frauen dem KI-Thema mehr öffnen und die neusten Tools ausprobieren, höre ich oft ihre Begeisterung und sie sind selbst von sich überrascht. Da merkt man, Ursache ist die Unterschätzung der eigenen Skills sowie falsche Annahmen. Daher müssen wir hier viel mehr Awareness schaffen. Als AI Factory machen wir genau das. AI:AT, also die AI Factory, bietet für verschiedene KI-Reifegrade Bundles an, etwa Start AI oder Scale AI. Teilnehmer verstehen an einem Tag: Was kann ich mit generativer KI machen, was kann ich mit agentischer KI machen? Und wie hilft mir ein agentischer Workflow am Ende, meine Umsatzzahlen zu verbessern und meine Kosten zu senken?

KI KOMPASS: Bleiben wir gleich bei der AI Factory: Was ist die Strategie dahinter und was hat ein österreichisches Unternehmen davon?

Brenk: Die AI Factory Austria, kurz AI:AT, ist ein Schlüsselprojekt für leistungsstarke und vertrauenswürdige KI. Unser Ziel ist es, KI in Österreich verantwortungsvoll und wirtschaftlich nutzbar zu machen, und zwar für Unternehmen, darunter auch Start-ups, für die öffentliche Verwaltung und die angewandte Forschung. Wir holen Unternehmen genau da ab, wo sie gerade stehen, und befähigen sie fürs nächste Level ihrer KI-Reise. Wir wollen nicht, dass jemand KI einsetzt, weil er den Use Case interessant findet, sondern dass es sich später in der Gewinnmarge bemerkbar macht. Gleichzeitig vermitteln wir ein Grundverständnis: Was darf ich rechtlich überhaupt? Was sagt etwa der EU AI Act? Und wie funktionieren die technischen Basics? Wenn dieser Rundumblick da ist, können Unternehmen mit unserer Unterstützung den nächsten Schritt gehen. Ein weiterer Kernservice ist der Zugang zu KI-Infrastruktur und Plattformen. Das ist besonders für sensible Bereiche wie Gesundheit wichtig.

KI KOMPASS: Und wie läuft der Einstieg für Unternehmen ab und was kostet das?

Brenk: Viele Einstiegsangebote sind dank öffentlicher Kofinanzierung für berechtigte Zielgruppen kostenlos; die Konditionen hängen jedoch vom jeweiligen Angebot und Zugangsmodell ab. Der einfachste Einstieg ist eine Anfrage über unsere Website oder per E-Mail; danach klären wir gemeinsam das passende Format und die nächsten Schritte. In einem Eins-zu-eins klärt jemand aus unserem Team: Wo steht die Firma? Was ist passend? Gibt es schon einen konkreten Use Case? Dann besprechen wir direkt die nächsten Schritte. Wenn noch gar nicht klar ist, wo KI Sinn macht, starten wir genau dort.

KI KOMPASS: Mit welchen Erwartungen kommen die Unternehmen zur AI Factory?

Brenk: Sehr unterschiedlich je nach ihrem KI-Reifegrad, das heißt, unsere Services sind dementsprechend auch breit entwickelt worden. Auf der einen Seite gibt es Unternehmen, die bereits einen konkreten Use Case haben. Auf der anderen Seite stehen viele Geschäftsführer von KMU noch ganz am Anfang. Viele nehmen gerne an unserem Executive Track teil. Dort tauschen sich Geschäftsführer und Aufsichtsräte auf Augenhöhe aus. Andere Hierarchieebenen sind nicht dabei. Sie kommen mit dem Gefühl: Ich weiß, ich muss und will KI in mein Unternehmen integrieren, aber wie gehe ich da ran? Und sie verlassen das Format mit einem Framework: Wie finde ich KI-Use-Cases? Was sind aktuell die Top-Use-Cases? Und wie priorisiere ich sie nach Nutzen und Umsetzbarkeit? Inzwischen haben wir ein sehr gutes Service-Set für Start-ups und KMU aufgebaut.

Es gibt sehr viele Pilotprojekte, die spontan gestartet werden und dann im Sand verlaufen.

KI KOMPASS: Auch hier stellt sich die klassische Frage, ob man einfach mit einem Pilotprojekt loslegt oder zuerst die große Strategie klärt. Ihre Empfehlung?

Brenk: Aus Erfahrung raten wir dazu, zuerst strategisch zu denken. Es gibt sehr viele Pilotprojekte, die spontan gestartet werden und dann im Sand verlaufen. Häufig ziehen die Beteiligten daraus die falschen Schlüsse und sagen: KI bringt mir gar nichts, dieser Pilot war ein Flop, also hilft uns KI nicht. Das sind teure Lerneffekte. Deshalb ist bei unseren Angeboten der erste Schritt immer: Der Pilot wird strategisch ausgewählt. Wir prüfen, welchen Nutzen er bringen soll und wie machbar er ist, technisch, rechtlich und ressourcenseitig. Und wir schauen uns die Daten sehr genau an. Oft heißt es schnell: Das Modell ist schlecht. In vielen Fällen sind es aber die Daten, die nicht in der nötigen Qualität vorliegen. Schlechte Daten bringen ein schlechtes Ergebnis.

KI KOMPASS: Neben Technik und Strategie ist Recht ein großes Thema. Was beobachten Sie beim Einsatz von KI-Tools in Unternehmen?

Brenk: Ein zentraler Begriff ist hier Shadow AI: Damit ist gemeint, dass Mitarbeiter ein Tool eigentlich nicht nutzen dürfen, zum Beispiel ChatGPT, aber das interne Sprachmodell als nicht gut genug empfinden und deshalb mit ihrem privaten Account im Hintergrund weiterarbeiten. Das ist den Geschäftsführern sogar oft bewusst, aber in diesen dynamischen KI-Zeiten sind sich viele nicht sicher, wie man dem am besten begegnet. Mögliche Lösungsansätze werden beispielsweise auch im Executive Track untereinander diskutiert.

Meine Empfehlung ist, als Geschäftsführung klare, einfache Leitplanken vorzugeben.

KI KOMPASS: Was kann in einem solchen Fall getan werden?

Brenk: Meine Empfehlung ist, als Geschäftsführung klare, einfache Leitplanken vorzugeben. Das muss kein hochkomplexes juristisches Papier sein. Es reicht ein verständliches Dokument, das sagt: Das sind jene Tools, die dürft ihr nutzen, dafür stellen wir vielleicht auch Accounts. Und das sind die Tools, die wir nicht wollen. Das sind die groben Schranken, damit sich alle sicher fühlen. Gerade weil wir Mitarbeitende ermutigen wollen, KI auszuprobieren, brauchen sie diese Sicherheit: Was darf ich, was nicht? Die Pflicht, Maßnahmen zur KI-Kompetenz zu treffen, gilt seit Februar 2025 und seit diesem August wird sie behördlich beaufsichtigt und umgesetzt. Jeder sollte wissen: Welche Daten gebe ich einem Sprachmodell? Welche Daten sollte ich nicht hineingeben? Wo liegen diese Daten? Ich halte es für wichtig, dass die Botschaft von oben lautet: Wir möchten, dass ihr KI nutzt, aber achtet auf diese Punkte. Die konkrete Ausgestaltung hängt natürlich vom jeweiligen Unternehmen ab.

KI KOMPASS: Welche Rolle spielen dabei große Modelle wie ChatGPT oder Claude?

Brenk: Eine sehr große Rolle. Die amerikanischen Modelle von OpenAI und Anthropic sind Vorreiter und das agentische Arbeiten über diese Tools ist für jeden Mitarbeiter schnell erlernbar und auch der Nutzen zeigt sich sehr schnell. Jedoch bleiben es trotzdem amerikanische Server, die unsere Anfragen verarbeiten. Die Geschäftsführung steht vor der schwierigen Aufgabe, zu bewerten: Wie kann ich als Unternehmen maximal von den technologischen Vorteilen profitieren, ohne im Datenschutz zu große Risiken einzugehen?

KI KOMPASS: Empfiehlt die AI Factory bestimmte Modelle oder Anbieter?

Brenk: Nein. Die AI Factory ist ein marktneutraler, unabhängiger Zugangspunkt und empfiehlt keine spezifischen Anbieter. Gleichzeitig beschäftigen wir uns inhaltlich natürlich auch mit Vorreiter-Modellen und den Top-KI-Use-Cases und Workflows am Puls der Zeit, die bisher fast alle aus Amerika oder China stammen. Meine Aufgabe ist es, einen Überblick zu geben: Was ist der aktuelle Stand bei KI? Was kann ich mit welchem Anbieter, Tool, Modell in meinem Unternehmen erreichen? Worauf muss ich achten? Dazu gehören auch europäische Anbieter wie Mistral. Am Ende müssen die Unternehmen selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen.

Europa hat sich sehr stark auf Regulierung konzentriert, während andere Regionen schon mitten in der Umsetzung waren.

KI KOMPASS: Apropos europäischer Weg bei KI, der zwischen Regulierung, eigener Infrastruktur und weniger Abhängigkeit von US- und China-Anbietern verlaufen soll. Wie kann das gelingen?

Brenk: Es gibt ja den Spruch: Europe regulates, America decides and Asia follows. Den würde ich aus meiner Wahrnehmung heraus unterschreiben. Europa hat sich sehr stark auf Regulierung konzentriert, während andere Regionen schon mitten in der Umsetzung waren. Die Dringlichkeit ist vielen erst bewusst geworden, als vor einigen Wochen das neueste Claude-Modell von Anthropic für alle Nicht-Amerikaner abgeschaltet wurde, auf Anforderung der US-Regierung. Das hat deutlich gemacht, wie abhängig wir sind. Gleichzeitig muss man sagen: Diese Abhängigkeit besteht schon länger. Viele Unternehmen nutzen Microsoft-Produkte, hosten ihre Daten etwa auf SharePoint. Es wäre zu einfach, das Problem erst bei der KI zu verorten. Ich sehe es als schwierig, diesen Rückstand aufzuholen, weil wir ihn uns als Europa durch den Fokus auf Regulierung selbst eingebrockt haben. Zusätzlich besteht das Risiko, dass China seine Modelle ebenfalls priorisiert. Dann könnten wir irgendwann in der Situation sein, dass amerikanische Modelle primär für Amerika optimiert werden und chinesische Modelle primär für China. Europa das Risiko läuft, zum Kontinent der reinen Anwender zu werden. Auf der anderen Seite hat unsere Regulierung auch Vorteile. Mit dem EU AI Act haben wir ein rechtlich bindendes Framework. Das kostet Zeit und bremst aus, das stimmt schon, aber es schafft überhaupt erst die Grundlage, KI in sensiblen Bereichen wie Medizin, Bildung oder HR einzusetzen. Wir haben die rechtliche Basis gelegt, jetzt müssen wir sehr schnell loslaufen und unseren Weg finden.

KI KOMPASS: Sie sind unter anderem im Gesundheitsbereich aktiv. Wie weit ist Österreich bei der Umsetzung von KI im Gesundheitswesen?

Brenk: Leider noch nicht so weit, wie man es sich wünschen würde. Es gibt viele Healthcare-Start-ups, die versuchen, aus Patientensicht zu denken: Wie kann ich Gesundheitsdaten sinnvoll in einer App bündeln? Wie führe ich verschiedene Quellen zusammen? Wie ersetze ich den physischen Impfpass durch digitale Empfehlungen, etwa welche Impfung ich brauche, wenn ich nächstes Jahr in ein bestimmtes Land reise. Das Potenzial rund um die digitale Gesundheitsakte ist enorm. Heute ist es oft noch so: Man geht zu einem Arzt, war eine Woche davor bei einem anderen und die zweite Stelle kann nicht auf die Daten zugreifen, die bereits erhoben wurden. Passend dazu veranstalten wir am 22. September das AI in Healthcare Breakfast. Der Druck ist jedenfalls da, aber die KI-Adoption ist vor allem bei staatlichen Einrichtungen nicht so schnell, wie wir es gerne hätten.

Zur Person

Ann-Sophie Brenk ist als AI Business Lead bei der AI Factory Austria für den Brückenschlag zwischen der Technologie und dem Einsatz in Unternehmen zuständig.

KI Kompass häufiger in den Google-Suchergebnissen anzeigen?

Hier aktivieren — in neuem Tab

Über den Autor

Beitrag von Robert Prazak

Robert Prazak

Robert Prazak ist Journalist und Autor. Er schreibt für österreichische und deutsche Medien zu den Themen Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie (u.a. News, profil, Terra Mater, trend). Er beschäftigt sich intensiv mit den Grundlagen, dem Einsatz und den Auswirkungen von KI auf Gesellschaft und Unternehmen.

KI Kompass Newsletter

In jeder Ausgabe eine KI-Anwendung, die du sofort ausprobieren kannst: ein Thema, ausführlich erklärt, mit fertigem Prompt und Cheat-Sheet. Dazu KI-Termine, Weiterbildungen und Förderungen in Österreich. Etwa alle zwei Wochen, kostenlos, jederzeit abbestellbar. Zum Start bekommst du das Starter-Paket mit 10 Cheat-Sheets.