Das Projekt cityclimAIte wurde heuer im Sommer vom AIT (Austrian Institute of Technology), Salzburg Research und Tech Meets Legal veröffentlicht: Ein Forschungsteam hat dazu 29 konkrete KI-Lösungen analysiert und nach Technologiereife, Wirkung, Komplexität und Rechtsrahmen bewertet. Der daraus entstandene, frei zugängliche „KI-Technologieradar“ soll helfen, Prioritäten zu setzen und Pilotprojekte auf ihre Machbarkeit zu überprüfen. Denn KI bietet Kommunen neue Möglichkeiten, urbane Infrastrukturen effizienter zu steuern. Die Palette reicht von intelligenter Verkehrsführung und der Optimierung von Strom- und Fernwärmenetzen bis zu mikroklimatischen Simulationen.
Interview mit Veronika Hornung-Prähauser
Rolle: Innovationsforscherin für digitale Technologien und Leiterin des InnovationLab bei der Salzburg Research Forschungsgesellschaft
Thema: Der KI-Technologieradar aus dem Projekt cityclimAIte und die Frage, welche KI-Anwendungen für Städte und Gemeinden heute taugen.
Relevanz: Kommunen sehen den Nutzen, wissen aber oft nicht, wo sie anfangen sollen. Der Radar bewertet 29 Anwendungsfälle nach Reife, Wirkung, Machbarkeit und Rechtsrahmen und macht sie damit vergleichbar.
KI KOMPASS: KI eröffnet auch für Städte und Gemeinden viele Möglichkeiten, doch die Auswahl einer passenden Lösung ist nicht unbedingt leicht. Was kann Ihr Technologieradar hier leisten?
Veronika Hornung-Prähauser: Wir haben uns gemeinsam mit dem AIT (Austrian Institute of Technology, Anmerkung) angesehen, welche KI-Lösungen für Städte und Gemeinden in Frage kommen, um klimaeffiziente Lösungen umzusetzen. Dabei geht es nicht nur um die Technologie, sondern auch um den Mehrwert und darum, wie aufwendig eine Umsetzung ist. Mit dem Technologieradar lässt sich rasch ein Überblick gewinnen: Ist eine Technologie bereits am Markt, wurde sie schon erprobt oder befindet sie sich noch in der Forschung und Entwicklung?
Man kann nicht einfach eine KI-Anwendung über eine ganze Stadt oder Gemeinde legen.
KI KOMPASS: Wie kann eine Gemeinde damit beginnen, KI-Anwendungen zu nutzen?
Hornung-Prähauser: Die erste Frage ist: In welchem Bereich soll eine KI-Anwendung helfen, und was wollen wir dort erreichen? Man kann nicht einfach eine KI-Anwendung über eine ganze Stadt oder Gemeinde legen. Deshalb haben wir den Radar nach wichtigen kommunalen Handlungsfeldern gegliedert: Mobilität und Logistik, Strom- und Wärmenetze, Rechenzentren, städtisches Klima und Klimawandelanpassung sowie energieeffiziente Gebäude.
KI KOMPASS: Und wie hilft dann der Technologieradar dabei, Anwendungen zu vergleichen?
Hornung-Prähauser: Wer wenig Zeit hat, kann sich anhand der Bewertungen rasch orientieren: Wie ausgereift ist eine Technologie, welche Wirkung erwarten wir, wie machbar und wie komplex ist die Umsetzung? Wer sich genauer informieren möchte, findet Beschreibungen der Technologie, des rechtlichen Rahmens und der Erfahrungen mit der Implementierung. Zu jedem Anwendungsfall lässt sich außerdem ein kurzgefasstes Factsheet herunterladen.
KI KOMPASS: Wie ist derzeit die Einstellung gegenüber KI-Tools?
Hornung-Prähauser: Die Städte und Gemeinden, mit denen wir gesprochen haben, brauchen viel Orientierung. Der potentielle Nutzen effizienter Lösungen wird durchaus gesehen. Weniger klar ist oft, wie man sie konkret umsetzt. Dazu kommt, dass viele Effizienzgewinne versprochen werden, die sich möglicherweise gar nicht ergeben. Man muss bei jedem System prüfen, wo es tatsächlich hineinpasst. Denn nicht für jedes Problem braucht es eine KI-Lösung. Das war auch den Kolleginnen und Kollegen vom AIT-KI Team sehr wichtig. Entscheidend ist, welche Daten vorhanden sind und ob ihre Qualität und Menge ausreichen. Wenn diese Voraussetzungen fehlen, kann es sinnvoller sein, mit Excel zu arbeiten, statt auf komplizierte digitale Zwillinge oder KI-Prognosen zu setzen.
KI KOMPASS: Wie gut sind die Kommunen bereits vorbereitet?
Hornung-Prähauser: In unseren Gesprächen haben wir deutliche Unterschiede gesehen: Große Städte hatten teilweise schon viele Vorprojekte und ein sehr hohes Wissen. Die zuständigen Fachabteilungen wussten genau, was sie wollten und was sie konnten. In kleineren Gemeinden war dieses Wissen teilweise noch weniger ausgeprägt.
KI KOMPASS: Gibt es auch falsche Vorstellungen, was KI leisten kann?
Hornung-Prähauser: KI wird häufig vor allem mit generativer KI, also KI-basierten Texten, Sprache und Videos verbunden. Dabei geraten andere Anwendungsmöglichkeiten etwas aus dem Blick, etwa die Automatisierung durch Robotik oder Anwendungen mit digitalen Zwillingen, Visualisierung und Kameras. Auch dort gibt es viel Potenzial, wobei Kameras im öffentlichen Raum immer ein schwieriges Thema sind.
Sehr früh kamen Fragen wie: Dürfen wir das überhaupt? Geht das rechtlich?
KI KOMPASS: Und wie sieht es mit den rechtlichen Vorgaben aus – auch diese könnten zu Unsicherheit führen, oder?
Hornung-Prähauser: Das Bewusstsein, nichts falsch machen zu wollen, war bei den Städten, Gemeinden und Fachabteilungen schon sehr hoch. Sehr früh kamen Fragen wie: Dürfen wir das überhaupt? Geht das rechtlich? Wo liegen die Daten? Das möchte ich ausdrücklich positiv hervorheben. Deshalb sind die rechtlichen Rahmenbedingungen auch ein wichtiger Bestandteil des Technologieradars.
KI KOMPASS: Wie wichtig sind konkrete Beispiele, wo und wie KI-Tools bereits eingesetzt werden?
Hornung-Prähauser: Viele Gemeinden haben sich ausdrücklich Beispiele aus Österreich gewünscht. Sie wollten nicht nur sehen, dass eine Anwendung irgendwo funktioniert, sondern sich an Erfahrungen unter vergleichbaren Rahmenbedingungen orientieren können. Die Frage war immer wieder: Hat eine andere Gemeinde in Österreich das bereits umgesetzt?
KI KOMPASS: Gerade kleinere Gemeinden haben ja ein überschaubares Budget. Wie gehen sie vor?
Hornung-Prähauser: Die Fachabteilungen wollen in ihrem Bereich etwas erreichen. Ihre erste Frage ist deshalb: Hilft uns KI dabei, und wie? Danach geht es darum, ob der Aufwand nicht höher ist als der Nutzen. Gerade kleinere Gemeinden haben auf ihre begrenzten Mittel hingewiesen. Open Source heißt ja nicht automatisch, dass eine Lösung günstiger ist, etwa wenn zusätzlich externe Beratung und ein Beschaffungsverfahren nötig sind.
KI KOMPASS: Was brauchen Gemeinden generell für eine sinnvolle Implementierung?
Hornung-Prähauser: Für die Umsetzung braucht es Fachkompetenz und IT-Kompetenz. Diese kann intern vorhanden sein oder durch externe Beratung dazukommen. Bei der Bewertung der Machbarkeit haben wir deshalb nicht nur die technische Reife berücksichtigt, sondern auch die Verfügbarkeit von Daten, die Kosten, rechtliche Anforderungen, organisatorische Voraussetzungen und vorhandene Kompetenzen. Je komplexer eine Anwendung ist, desto mehr Kompetenzen braucht man.
Unsere Empfehlung ist, mit einem kleinen Projekt mit großer Wirkung anzufangen.
KI KOMPASS: Was empfehlen Sie also für den Start?
Hornung-Prähauser: Unsere Empfehlung ist, mit einem kleinen Projekt mit großer Wirkung anzufangen. Man sollte nicht gleich einen digitalen Zwilling über die ganze Stadt legen, sondern zunächst schauen, was ein überschaubares Projekt tatsächlich bringt. So bekommt man auch ein Gespür dafür, was möglich ist und was nicht.
KI KOMPASS: Ist es nicht schwierig, den Überblick über die rasante Entwicklung zu behalten?
Hornung-Prähauser: Die Entwicklung geht tatsächlich sehr schnell. Wir haben die Erhebung im vergangenen Jahr abgeschlossen, inzwischen gibt es sicher schon neue Anwendungsfälle. Deshalb bieten wir an, weitere Forschungsprojekte, Erfahrungen und Lösungen aufzunehmen. Wer einen eigenen Anwendungsfall hat, kann ihn bei uns einbringen, und wir schauen uns an, ob wir ihn in den Radar aufnehmen können.
Details zur Studie: Die Studie cityclimAIte entstand im Konsortium aus AIT Austrian Institute of Technology, Salzburg Research und Tech Meets Legal. Studienleiter war Christian Kogler vom AIT. Der KI-Technologieradar ist kostenfrei zugänglich, dort steht auch die vollständige Studie zum Download bereit.
Zur Person

Veronika Hornung-Prähauser ist Innovationsforscherin für digitale Technologien und Leiterin des InnovationLab bei der Salzburg Research Forschungsgesellschaft.
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