„KMU haben einen Datenschatz“: Karl-Heinz Leitner (AIT) über Daten und KI-Strategie im Mittelstand

Der Innovations- und Technologieforscher Karl-Heinz Leitner über den Einsatz von KI-Tools in Unternehmen, die Rolle von Start-ups und weshalb KMU auf einem wertvollen Datenschatz sitzen.

Beiträge von Robert Prazak
20. August 2026
„KMU haben einen Datenschatz“

Von der Forschung in die unternehmerische Praxis: Karl-Heinz Leitner weiß, wie das funktioniert. Er beobachtet als Professor für Entrepreneurship an der Universität Graz und Senior Scientist am AIT genau, wie Innovation entsteht und gefördert wird. Kein Thema ist derzeit so spannend wie der Einsatz von KI. Das bedeutet auch für Klein- und Mittelbetriebe neue Chancen, aber auch Herausforderungen.

Interview mit Karl-Heinz Leitner

Rolle: Professor für Entrepreneurship an der Universität Graz und Senior Scientist am AIT (Austrian Institute of Technology), Studienleiter des Austrian Startup Monitor.

Thema: Wie kleine und mittlere Unternehmen von punktuellen KI-Pilotprojekten zu einer strategischen, organisatorisch verankerten KI-Nutzung kommen.

Relevanz: Rund ein Drittel der österreichischen Unternehmen setzt bereits KI ein, doch Erfolg hängt weniger von der Technologie als von Digitalisierungsgrad, Datenqualität und organisatorischer Vorbereitung ab. Start-ups zeigen vor, wie KI tief in Produkte und Abläufe integriert werden kann.

KI KOMPASS: Herr Leitner, wo steht Österreich in Sachen KI-Nutzung im internationalen Vergleich?

Karl-Heinz Leitner: Die statistischen Erhebungen zeigen, dass wir in Österreich, wie bei der allgemeinen Innovationsperformance, im oberen Mittelfeld liegen. Wir gehören nicht zu den absoluten Spitzenreitern wie etwa skandinavische Länder, Belgien oder die Niederlande, sind aber im oberen Drittel. Nach der Erhebung von 2025 nutzt mittlerweile etwa ein Drittel aller Unternehmen in Österreich KI. Das bedeutet: Es gibt natürlich noch viel Luft nach oben. Die konkrete KI-Nutzung ist abhängig von Unternehmensgröße, Branche und Technologieintensität. Die Unternehmen, die schon früher avancierte IKT-Tools genutzt haben, E-Commerce betreiben oder ihren Vertrieb auf online umgestellt haben, sind auch jene, die jetzt früher auf KI aufspringen. In gewisser Weise ist das eine Stufenleiter: Wer sich schon vor dem aktuellen KI-Boom ernsthaft mit Digitalisierung beschäftigt hat, hat jetzt einen Vorteil. Für Unternehmen, die hier noch kaum etwas gemacht haben, wäre es unrealistisch zu glauben, sie könnten mit KI von null auf hundert durchstarten.

Es wäre unrealistisch zu glauben, sie könnten mit KI von null auf hundert durchstarten.

KI KOMPASS: KI ist demnach kein Abkürzungsprogramm für Betriebe, die ihre Digitalisierungs-Hausaufgaben bisher aufgeschoben haben?

Leitner: Genau. Ich glaube, man muss auch für den Einsatz von KI-Tools fit gemacht werden und auf Erfahrungen mit Informations- und Kommunikationstechnologien aufbauen. Um KI zu nutzen, braucht es eine strategische Vorgehensweise, und das gilt für KMU genauso wie für große Unternehmen. Man muss sich genau überlegen: Wo und in welchen Bereichen will ich KI einsetzen? Welche Leitlinien habe ich dafür? Die Algorithmen selbst sind da keine zentrale Herausforderung, denn technische Fragen werden in der Regel gelöst. Entscheidend ist die organisatorische Anpassung, die strategische Einbettung und, speziell bei KI, Themen wie Datenschutz und ethische Richtlinien. Das ist für kleinere Unternehmen nach wie vor eine große Hürde.

KI KOMPASS: Das erinnert an frühere Phasen der Digitalisierung, als die Skepsis zunächst groß war.

Leitner: Ich kann mich an Podiumsdiskussionen und Workshops vor rund 30 Jahren erinnern, als das Internet gekommen ist. Da war die erste Frage: Kann man das Internet überhaupt nutzen? Welchen Nutzen bringt das? Auch da gab es Proponenten, die früh gesagt haben: Ich bin davon überzeugt, dass das Internet mehr kann als nur für Werbezwecke verwendet zu werden.

KI KOMPASS: Beim Einsatz der KI fragen sich KMU oft: Sollen wir zuerst groß planen oder einfach mal mit Pilotprojekten experimentieren?

Leitner: Beides gehört zusammen. Ein Unternehmen mit hohem Digitalisierungs-Reifegrad kann durchaus ein umfassenderes KI-Projekt starten. Viele KMU sind aber besser beraten, mit zwei oder drei gezielten Pilotprojekten zu beginnen, statt der gesamten Organisation die KI sozusagen überzustülpen. Wichtig ist, dass Pilotprojekte nicht zufällig entstehen. Die Frage, wo man ein solches Pilotprojekt macht, ist bereits eine analytische: Man muss die Prozesse im Unternehmen durchleuchten und überlegen, wo wirklich Potenzial besteht. Wo gibt es Engpässe? Wo gibt es wiederkehrende Routinetätigkeiten oder immer gleiche Recherchearbeiten? Wo werden heute schon Daten genutzt, die man mit KI besser auswerten könnte?

Ohne Commitment der Geschäftsführung wird es nicht funktionieren.

KI KOMPASS: Das wäre demnach der erste Schritt für eine Umsetzung. Was folgt dann?

Leitner: Dann folgt die zweite Ebene: Welche Technologien und Tools nutze ich konkret? KMU werden typischerweise Tools wie ChatGPT, Microsoft Copilot oder andere Lösungen zukaufen und nicht selbst Modelle entwickeln. Das ist wirtschaftlich sinnvoll. Aber sie müssen klären, wo sie diese Tools einsetzen und was das für Datenschutz, AI-Act– und DSGVO-Konformität bedeutet, was strategisch angepasst werden muss und wie sie ihre Mitarbeitenden schulen. Wichtig dabei ist aber: Ohne Commitment der Geschäftsführung wird es nicht funktionieren. Sonst scheitert ein KI-Projekt aus denselben Gründen, aus denen früher schon IT-Projekte gescheitert sind.

KI KOMPASS: Widerstände kann es aber auf vielen Ebenen eines Unternehmens geben, nicht zuletzt aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz.

Leitner: Es gibt in vielen Betrieben, auch in mittelständischen, Widerstände gegen die mögliche Einführung, gegen Veränderung. Und in einem typischen KMU lassen sich viele vielleicht mal einen Text zusammenfassen, aber das war es dann schon mit der KI-Anwendung. Aber KI kann natürlich viel mehr: sehr systematisch strukturiert suchen, Verbindungen herstellen, automatisiert Schlagwörter zuordnen, um Kundenanforderungen zu klassifizieren. Ich glaube, da gibt es großes Potenzial, das vielen nicht bewusst ist. Insofern helfen hier Schulung und Orientierung, aber das muss aufgebaut werden.

Die meisten KMU haben einen Datenschatz, aber er ist oft verstreut und nicht bereinigt.

KI KOMPASS: Stichwort Potenzial: KMU sitzen möglicherweise auf Daten, ohne sie systematisch zu nutzen. Können diese Betriebe dank KI jetzt etwas aus diesem Datenschatz machen?

Leitner: Absolut. Die meisten KMU haben einen Datenschatz, aber er ist oft verstreut und nicht bereinigt. Kundendaten sind fast überall vorhanden, dazu kommen Produktionsdaten, Ausfallzeiten, Reklamationen, Fehlerhäufungen, Bearbeitungszeiten von Kundenanfragen. In manchen Bereichen wird das recht sensibel, etwa bei Daten der Mitarbeitenden und Produktivitätsdaten. Der Knackpunkt ist aber: Diese Daten müssen aufbereitet werden. Das ist eine unglamouröse, aber zentrale Hausaufgabe. Man sitzt dann Stunden oder Tage davor, um zu bereinigen, zu strukturieren und den Datenschutz sicherzustellen. Und es gibt immer noch Unternehmen, in denen vieles auf Papier läuft, mit Zetteln und Ordnern. Dort muss man erst digitalisieren, bevor KI ins Spiel kommen kann.

KI KOMPASS: Wie fangen KMU aber damit an, diese Daten zu sichten und zu verwenden?

Leitner: Die erste Frage für KMU lautet: Wo gibt es überhaupt Daten, die man analysieren könnte? Beispielsweise aus Kundenbeziehungen, aus der Wertschöpfungskette, von Lieferanten, aus internen Prozessen? Und welche Tätigkeiten sind eher text- oder wissensbasiert, sodass KI hier wirklich unterstützen, automatisieren oder strukturieren kann? Wer diese Analyse ernsthaft macht, erkennt schnell, wo wirtschaftlicher Nutzen durch KI entstehen kann, und wo nicht.

KI KOMPASS: Viele KMU nutzen heute vor allem große US-Tools. Entsteht da nicht eine neue strategische Abhängigkeit?

Leitner: Diese Gefahr besteht, aber sie ist für KMU differenziert zu sehen. Vieles hängt von der Preispolitik und vom Wettbewerb zwischen den Anbietern ab. Im klassischen Suchbereich war Google lange Zeit beinahe monopolartig unterwegs. Bei KI gibt es heute mehrere große Player: ChatGPT, Google, Claude, dazu europäische Anbieter wie Mistral und potenziell auch chinesische Lösungen. Solange echter Wettbewerb herrscht, sind Unternehmen nicht völlig ausgeliefert, denn man kann den Anbieter wechseln.

KI KOMPASS: Datenschutz bleibt aber ein heikles Thema, oder?

Leitner: Wenn Datenschutzrichtlinien und Verträge ernst genommen und geeignete Schutzmaßnahmen gesetzt werden, sehe ich für typische mittelständische Betriebe kurzfristig nicht die größte Gefahr darin, dass sensible Daten nach außen gelangen. Strukturell bleiben wir in Europa aber abhängig von großen Plattformen, Österreich wird nicht die großen generischen KI-Infrastrukturen bauen. Die Stärke liegt eher in spezifischen Nischenanwendungen, etwa bei Technologieanbietern oder Start-ups, die auf diesen Plattformen aufsetzen und spezialisierte Lösungen entwickeln.

KI KOMPASS: Sie leiten den „Austrian Startup Monitor“. Wie stark setzen Start-ups heute auf KI?

Leitner: Im Austrian Startup Monitor sehen wir, dass die KI-Nutzung in Start-ups massiv verbreitet ist. Rund 90 Prozent der Start-ups nutzen irgendeine Form von KI, sowohl in der Produktentwicklung als auch in ihren Prozessen. Wer produziert, setzt KI zur Optimierung, Effizienzsteigerung und Qualitätssicherung ein. Wir unterscheiden dabei, ob KI-Lösungen hausintern entwickelt oder von Drittanbietern zugekauft werden. Im Bereich der Prozessoptimierung sehen wir einen Trend zum Zukauf. Wenn es aber um das eigene Produkt geht, also um KI-Features im Kernangebot, entwickeln Start-ups wesentlich öfter selbst. Mittlerweile integrieren rund 50 Prozent der Start-ups KI als elementare Komponente ihres Produktangebots. Das liegt deutlich über dem Drittel der Unternehmen, das wir vorher generell gesehen haben. Daneben gibt es in Österreich eine beachtliche Zahl an Start-ups, die eigene KI-Softwareprodukte entwickeln, ich würde das bei 250 bis 300 echten KI-Start-ups sehen. Die decken ein breites Feld ab: von Software über Medizintechnik und Produktionslogistik bis Energieversorgung und energieeffiziente Lösungen.

KI KOMPASS: Wo liegt bei KI der Vorteil von Start-ups gegenüber etablierten Unternehmen?

Leitner: Der wesentliche Vorteil von Start-ups ist die Fähigkeit, Technologien zu kombinieren: KI wird genutzt, um Produktionsprozesse zu optimieren, neue Werkstoffe zu entwickeln, Mobilität und Energietechnologien zu verbessern, Anwendungen im Gesundheitsbereich zu entwickeln. Wenn du zwei Technologien intelligent kombinierst, wird es für den Wettbewerb deutlich schwieriger, das zu imitieren. Für Start-ups ist diese interdisziplinäre Arbeit meist leichter als für große Unternehmen mit spezialisierten Silos.

KI KOMPASS: Und was können etablierte KMU von diesen Start-ups lernen?

Leitner: Vor allem können sie lernen, wo überall KI-Anwendungen möglich sind, und wie man KI nicht nur als Effizienz-Tool, sondern als Teil des Angebots und der Services nutzt. Viele Start-ups zeigen sehr anschaulich, wie KI in Kundenfeatures, in Chatbot-Services oder in datenbasierte Geschäftsmodelle integriert wird. Die eigentliche Frage ist dann aber: Wie kommt dieses Wissen in die KMU-Landschaft? Hier spielen Netzwerke und Vermittler eine große Rolle: Clusterorganisationen, AI Factory, Labs wie das IDEA Lab in Graz, Digital Innovation Hubs, die Wirtschaftskammer, dazu Dienstleister und Organisationen, die Veranstaltungen zum Thema KI anbieten. Aus meiner Sicht reicht es aber nicht, nur Online-Kampagnen, Videos oder YouTube-Tutorials zu haben. Entscheidend sind physische Formate: Workshops, Tagungen, Schulungen, in denen sich Verantwortliche austauschen.

Unternehmen müssen Prozesse etablieren, in denen KI-Ergebnisse kontrolliert, geprüft und validiert werden. Am Ende steht immer eine menschliche Entscheidung.

KI KOMPASS: Unsicherheit ist ein Kernthema. Wie wichtig ist, intern zu kommunizieren, dass KI-Ergebnisse kontrolliert werden müssen und dass Jobs sich verändern, aber nicht unbedingt verschwinden müssen?

Leitner: Das ist zentral, sowohl fachlich als auch psychologisch. Fachlich gilt: KI kann halluzinieren, also Dinge erfinden. Unternehmen müssen Prozesse etablieren, in denen KI-Ergebnisse kontrolliert, geprüft und validiert werden. Am Ende steht immer eine menschliche Entscheidung. Das muss bewusst so gestaltet werden. Gleichzeitig wirkt dieses Signal nach innen. In vielen Betrieben gibt es Widerstände gegen Veränderungen und die Sorge vor Jobverlust. Wenn man klar kommuniziert, dass KI die Produktivität erhöhen kann, Aufgabenprofile sich verändern und neue Tätigkeiten entstehen, hilft das, Barrieren abzubauen.

KI KOMPASS: Apropos Barrieren: In Europa wird oft über Regulierung geklagt, Stichworte DSGVO und AI Act. Welche Chancen und Risiken sehen Sie in einem dezidiert europäischen Weg bei KI?

Leitner: Die Situation ist ambivalent. Einerseits ist Regulierung mit Standards, Datenschutz und ethischen Richtlinien ein wichtiger Teil der europäischen Identität. Und es ist eine Chance, Vertrauen in Technologien zu schaffen. Andererseits sehen wir, dass wir zwischen den USA und China beim Tempo und bei der Skalierung von KI-Lösungen ins Hintertreffen geraten. Regulierung allein reicht demnach nicht. Sie muss mit starker Handels-, Industrie- und Innovationspolitik gekoppelt werden. Und sie muss glaubwürdig sein: Wenn große Konzerne aus den USA oder China ihre Tools in Europa anbieten, müssen sie die europäischen Regeln einhalten, und diese müssen auch konsequent durchgesetzt werden. Es darf nicht passieren, dass nur europäische Unternehmen reguliert werden, während andere einfach unreguliert Lösungen exportieren. Diese Regeln müssen mittelfristig auch global verhandelt werden. Eine KI-Politik, die nur regional gedacht ist, stößt schnell an Grenzen.

Zur Person

Karl-Heinz Leitner ist Professor für Entrepreneurship an der Universität Graz (Institut für Unternehmensführung und Entrepreneurship) und Senior Scientist am AIT (Austrian Institute of Technology). Er ist außerdem Studienleiter des „Austrian Startup Monitor“.

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Über den Autor

Beitrag von Robert Prazak

Robert Prazak

Robert Prazak ist Journalist und Autor. Er schreibt für österreichische und deutsche Medien zu den Themen Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie (u.a. News, profil, Terra Mater, trend). Er beschäftigt sich intensiv mit den Grundlagen, dem Einsatz und den Auswirkungen von KI auf Gesellschaft und Unternehmen.