Auf den ersten Blick verrät Michael Wiesmüllers Funktion wenig über seine zentrale Rolle für die heimische KI-Strategie. Als Leiter der Abteilung für Digitale und Schlüsseltechnologien im Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI) prägt er Forschung, Umsetzung und strategische Planung von Künstlicher Intelligenz in Österreich maßgeblich. Er ist ein Verfechter des verantwortungsbewussten Einsatzes von Technologie und eines dezidiert europäischen Wegs bei KI.
KI KOMPASS: Herr Wiesmüller, Österreich will – und kann – nicht mit den USA oder China konkurrieren, wenn es um riesige generische Sprachmodelle geht. Stattdessen spielt industrielle KI eine zentrale Rolle. Was bedeutet das konkret?
Michael Wiesmüller: Es macht natürlich keinen Sinn, in Österreich ein großes eigenständiges LLM-Modell zu bauen. Aber es gibt andere europäische Staaten, die das sehr wohl machen und auf denen wir aufbauen können. Zum Beispiel Frankreich, das mit Mistral AI bereits ein konkurrenzfähiges Produkt zu den großen amerikanischen LLM-Lösungen besitzt. Oder die Schweiz mit ihrem LLM namens Apertus, das vollständig als Open source verfügbar ist. Aber grundsätzlich ist die Stärke von Österreich und von ganz Europa ein umfassendes und tiefes Domänen- oder Sektorwissen. Dies bietet eine einzigartige Ausgangslage, um KI-Lösungen gezielt, effizient und sektorspezifisch einzusetzen. Die intelligente, transparente und faire Anwendung von KI in diesen Bereichen könnte Europa eine führende Position verschaffen.

KI KOMPASS: Und wie funktioniert die Umsetzung?
Michael Wiesmüller: Es geht darum, die Wirkung, die KI in bestimmten Sektoren hat – im Gesundheitssektor, in der öffentlichen Verwaltung, in der Energiewirtschaft, in der Umwelttechnik – zu maximieren. Da wollen wir weltweit zu den Besten zählen. Das zweite große Thema ist Edge Computing, das hat speziell bei industriellen Themen große Bedeutung. Die Idee dahinter: Verlagern wir doch diese Superintelligenz zurück in die Dinge, in die Sensoren und dorthin, wo die Daten sind. Das schafft Lösungen, wie wir die KI schneller, energieeffizienter und datensouveräner machen. Dafür ist kein gewaltiges Rechenzentrum nötig. Aber das vordringlichste Versprechen, das mit Edge verbunden ist, ist die Steigerung der Energieeffizienz.
KI KOMPASS: Energie ist bei KI ja generell ein zentrales Thema.
Michael Wiesmüller: Ja, denn der Energiehunger dieser Technologien, vor allem der großen KI-Modelle, ist ja unersättlich. Ich habe kürzlich bei einer Veranstaltung an ein Zitat des Netscape-Gründers Marc Andreessen erinnert, der in den Nullerjahren gesagt hat: „Software is eating the world“. Und jetzt kann man sagen: „AI is eating the world“. Gegenwärtig liegt der Anteil elektrischer Energie bei den Rechenzentren zwischen 1 und 1,5 Prozent des globalen Verbrauchs. Prognosen gehen von einem Anstieg auf 3 bis 4 Prozent bis 2030 aus. Diese Hungerkurve ist so steil, dass man bereits von einer Renaissance der Nuklearenergie spricht. Und es geht ja nicht nur um elektrische Energie, es geht um Wasser und andere Rohstoffe. Man könnte sagen: hier entsteht eine Art neuer Schwerindustrie. Was die rauchenden Schlote in den 80er- und 90er-Jahren waren, ist jetzt die Rechenzentrumsindustrie, die stark an der KI-Thematik hängt.
Wir erleben bei KI das Phänomen, dass zum Zeitpunkt des Fertigwerdens einer Strategie diese schon veraltet ist.
KI KOMPASS: Stichwort Industrie: Österreich ist ein Industrieland, aber wie können wir auch von KI profitieren?
Michael Wiesmüller: Als 2017 und 2018 die große KI-Welle über Europa gekommen ist, hat Österreich mit Unterstützung der Europäischen Kommission eine KI-Strategie entwickelt, so wie fast alle anderen EU-Staaten. Diese Strategie war allgemein gehalten, darin haben wir uns auf allgemeine Ziele verständigt: Was im Bereich der Bildung getan werden muss, wie vertrauenswürdige KI und Standards aussehen können und wie der grundsätzliche Rechtsrahmen gestaltet werden kann. Wie viele andere haben wir dann aber die Erfahrung der enormen Geschwindigkeit gemacht. In dem Augenblick, in dem man beginnt, zu überlegen, wo wollen wir hin, wie wollen wir das weiterentwickeln, da ist der Zug schon unterwegs. Wir erleben bei KI das Phänomen, dass zum Zeitpunkt des Fertigwerdens einer Strategie diese schon veraltet ist, weil sich die Welt so rasch weitergedreht hat. Wir sind daher übergegangen, stärker in Umsetzungsprojekten zu denken, das hat sich bis heute gut bewährt.
KI KOMPASS: Also eine schnellere Umsetzung als Ergänzung zur Strategie?
Michael Wiesmüller: Wir sagen: Die großen Ziele haben wir alle im Kopf, aber wo können wir wirklich Dinge umsetzen? Das war der wichtigste Schritt der vergangenen Jahre. Wir haben in weiterer Folge alle österreichischen Ministerien zusammengerufen und ein sogenanntes Policy Forum gegründet. Da werden alle Ministerien gefragt: Was könnten wichtige Projekte in eurem Wirkungsbereich sein, die man sehr schnell umsetzen könnte? Und da gab es viele Antworten, es ging um Programme zur Förderung von Literacy, um die Einrichtung von KI-Schulen, um ein Kompetenzcenter für Smart Farming und so weiter. Im Wirkungsbereich meines Ministeriums haben wir beispielsweise die AI Factory gegründet. Und es hat sich gezeigt, dass diese KI-Thematiken in unterschiedlichen Politikfeldern in große Projekte geflossen sind. In weiterer Folge wurden Gremien aufgesetzt, etwa der KI-Beirat – das ist eine Gruppe von ausgesuchten Professorinnen und Professoren sowie Vertretern der KI-Szene, die die Bundesregierung in wichtigen KI-Fragen berät. Dieser Beirat hat eine kurze, prägnante Strategie für die kommende Periode erstellt: AI Blueprint Austria. Darin wurde noch einmal kurz aufgelistet: Was sind die entscheidenden Punkte, die wir in den nächsten Jahren angehen müssen und wie können die Ministerien helfen, das umzusetzen?

KI KOMPASS: Und wo stehen wir nun in diesem Prozess, was wird bereits umgesetzt?
Michael Wiesmüller: Da sind wir mitten im Prozess. Wir versuchen gerade, entlang der Empfehlungen des Beirats Projekte zu entwickeln, die in der Lage sind, die Situation zu verbessern.
KI KOMPASS: Wie stellen Sie aber sicher, dass man da nicht den Faden verliert, eben weil die Entwicklung so rasch geht?
Michael Wiesmüller: Zentrale Bedeutung hat stets die gesamtstaatliche Perspektive, die man im Auge behalten muss. Also die Frage: Wie hängt das alles zusammen? Was ist, wenn im Gesundheitsministerium rund um ELGA große Projekte stattfinden? Wie könnte ein Basis-Bundes-LLM aussehen, das von allen Ressorts genutzt werden kann? Was bedeutet das für Fragen der Datensicherheit? Es gibt viele solcher Beispiele. Kurz gesagt: Was sind Cross-Policy-Themen, die man im Auge behalten muss?
KI KOMPASS: Und wie schaffen Sie den Spagat zwischen langfristiger Strategie und kurzfristiger Reaktion auf technologische Entwicklung?
Michael Wiesmüller: Was die Langfristigkeit betrifft, ist die Rolle der EU enorm wichtig. Es wäre völlig vermessen und strategisch falsch, wenn wir in Österreich sagen: Die EU macht ihre Sache, wir machen unsere. Das funktioniert überhaupt nicht mehr, weil auch die Wirkungsmacht, die die Kommission in Bezug auf Regularien und in Bezug auf Investitionen hat, um ein Vielfaches höher ist als das, was wir in Österreich erreichen können.
KI KOMPASS: Wie stimmen Sie dann aber die österreichische Strategie und Umsetzung mit anderen EU-Staaten ab?
Michael Wiesmüller: Es gibt ein AI Office in Brüssel, eine Art Zentraleinrichtung der Europäischen Kommission, dessen Aufgabe unter anderem darin besteht, die Umsetzung und Überwachung des AI Acts zu begleiten, die Förderung von Innovation und Forschung voranzutreiben, die Vertretung der EU in globalen KI-Fragen zu bilden und eben die Zusammenarbeit mit den Mitgliedsstaaten zu organisieren. Hier sind Vertreter aus allen Mitgliedsstaaten versammelt, die versuchen, gemeinsam mit der Kommission Programmatiken zu diesen Themen zu entwickeln, zum Beispiel zu Themen wie KI- Sicherheit, KI im Gesundheitsbereich oder zu Regulierung und Compliance. Ein dichtes Netz an Gremien und Institutionen pflegt also einen aktiven und lebendigen Austausch mit den Mitgliedstaaten.

KI KOMPASS: Welche spezifischen Stärken kann Österreich da einbringen? Die rauchenden Schlote der Fabriken gibt es fast nicht mehr, geht es nun um die KI-Industrie?
Michael Wiesmüller: Ja, genau. Österreich kann Nischen besetzen – aufgrund seines Ökosystems, seines Innovationssystems und seiner Universitäten und Forschungseinrichtungen hat Österreich hier eine besondere Stärke. Nische bedeutet: Mittelständische Unternehmen, die in einem spezifischen Bereich Weltmarkführer oder unter den Top Drei der Welt sind. Wir sind ein Land mit einer extremen Dichte an solchen Nischenplayern. Und genau das ist eine wichtige Sache für KI, weil damit diese Differenzierungen vorangetrieben werden können. Also ein Unternehmen kann sagen: Ich verwende dieses spezifische KI-Modell für das Engineering meiner Produkte, für die Qualitätssicherung meines Stahlerzeugungsprozesses oder die Leistungsfähigkeit meiner Pumpen. Und ich bin der Erste, der das kann und in der Tiefe verstanden hat. Dadurch habe ich mir Wettbewerbsvorteile erarbeitet. KI ist eine Technologie, die für einen Industriestandort wie Österreich günstig ist, weil sie uns helfen kann, diese Differenzierung schneller voranzutreiben.
KI KOMPASS: Und in welchen KI-Bereichen kann Österreich seine Stärken ausspielen?
Michael Wiesmüller: Das lässt sich so generell nur schwer ausmachen, auch weil das Feld von großer Dynamik erfasst ist. Stärken haben wir sicher im Bereich der sogenannten Hybrid AI. Es gibt ja ganz vereinfacht gesagt zwei große Schulen: die symbolische KI und die subsymbolische KI. Die eine beschäftigt sich mit Logik, mit Regeln und bestehendem menschlichen Wissen und will den Maschinen ein Weltbild geben. Die andere sagt: Das Weltbild ist völlig egal, wir lassen die Maschinen lernen – das ist Machine Learning oder Subsymbolik. In Österreich haben die führenden Forschergruppen erkannt, dass sich das gut kombinieren lässt und dass wir versuchen müssen, diese Bereiche komplementär zu gestalten. Einer der größten Forschungscluster beschäftigt sich genau mit diesen Fragen, seitens des BMIMI versuchen wir mit thematischen Ausschreibungen für angewandte Forschung fortzusetzen.
KI KOMPASS: Gerade für KMU könnte KI wichtig sein.
Michael Wiesmüller: Wir sehen, dass das Interesse stark gestiegen ist. Es gibt da zum Beispiel die European Digital Innovation Hubs, eine von deren Kernaufgaben ist der Technologietransfer für mittelständische Unternehmen. Da ist der Bedarf enorm. Das sehen wir auch bei der österreichischen AI Factory. Dort kann man sich der Anfragen kaum erwehren. Ich denke also, es wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu einer großen Diffusion von wichtigen KI-Plattformen und wichtigen Toolketten auch im Mittelstand kommen.
KI KOMPASS: Wie kann man garantieren, dass gerade dieser Mittelstand einen dezidiert europäischen Weg geht? Besteht nicht die Gefahr, dass sich ein KMU eher für ein Tool aus den USA entscheidet?
Michael Wiesmüller: Das ist eine gute, aber schwierige Frage. Auf europäischer Ebene gibt es dafür verschiedene Politiken unter dem Motto: „Made in Europe“. Das heißt zum Beispiel, dass man für große Beschaffungsprojekte und für sektorale Regulationen Richtlinien entwirft, die auf europäische Lieferketten abstellen: also welche Komponenten müssen in der Infrastruktur für Telekom, Energie oder Wasser enthalten sein.
Wir wollen unsere eigenen Chips herstellen können, wir wollen eigene Algorithmen und eine eigene Cloud-Infrastruktur.
KI KOMPASS: Umso wichtiger wird es, europäische Lösungen zu entwickeln, oder?
Michael Wiesmüller: Unbedingt. Europa will technologisch souveräner werden. Dazu hat die EU gerade das Technology Sovereignty Package veröffentlicht – da geht es vorwiegend um KI, Cloud und Chips. Wir wollen unsere eigenen Chips herstellen können, wir wollen eigene Algorithmen und eine eigene Cloud-Infrastruktur. Europa will aber auch etwas in die Waagschale werfen können und sagen: Wenn ihr die Anthropic-Modelle für uns abdreht, dann können wir uns zur Wehr setzen, weil wir andere wirksame Druckmittel haben.
KI KOMPASS: Oft ist man sich ja gar nicht der Wirtschaftsmacht bewusst, die Europa besitzt, oder?
Michael Wiesmüller: Genau. Man ist sich dessen nicht bewusst, weil wir sie nie benötigt haben. Die Eskalation, die wir gerade erleben, ist ja wirklich erstaunlich: Man setzt Technologie als politisches Asset ein.
KI KOMPASS: Ein Thema bei KI ist sind allerdings Bürokratie und Regulatorien in der EU. Gerade in der Start-up-Szene heißt es oft: Das ist in Europa alles so bürokratisch und aufwändig, ich gehe lieber in die USA. Welches Gegenargument können Sie da bringen?
Michael Wiesmüller: In der gesamten Technologiegeschichte seit der Industriellen Revolution ist Regulierung immer Bestandteil von Technologie gewesen. Es geht einfach darum, dass komplexe Technologien vergesellschaftet werden müssen. Ein Ingenieur, der etwas entwickelt, oder ein Unternehmen, das die ersten Produkte auf den Markt bringt, hat ja keine wirkliche Ahnung, wie das verwendet wird, welche Vorzüge und welche Nachteile das hat. Ich halte es grundsätzlich für naiv, einen Gegensatz zwischen Regulierung und Innovation aufzubauen. Die stehen vielleicht zu Beginn in einem gewissen Spannungsverhältnis, aber es ist sicher kein Widerspruch. Die OECD hat begonnen, darüber nachzudenken, wie man Innovation und Regulierung gemeinsam denken könnte. Worauf muss ich achten, wenn ich Quantenrechner entwickle? Was könnten hier kritische regulative Themen sein und wie kann ich das bereits im Design einer Technologie berücksichtigen? Man nennt das antizipative Regulatorik.

KI KOMPASS: Bleibt die Frage der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Firmen.
Michael Wiesmüller: Das ist zweifellos ein Thema. Wir können nicht weiter zuschauen, wie unsere besten Köpfe und innovativsten Start-ups in die USA abwandern. Dieses Phänomen hat aber auch andere Gründe als die Regulierung, es geht auch um Investitionen, Skalierung, Märkte und Zugang zu Ressourcen wie Energie und Talente. In Bezug auf die Regulierungsfrage gibt es jetzt die Omnibus-Verordnungen der Kommission, die versuchen, hier eine Bereinigung oder Anpassung vorzunehmen – nach der Erkenntnis, dass Verordnungen dieser Komplexität nicht für Jahrzehnte geschrieben werden können, sondern dass sie kontinuierliche Updates brauchen. Grundsätzlich erscheint es mir für den europäischen Markt aber wesentlich zu sein, die Werteorientierung und den Fokus auf vertrauenswürdige, menschenzentrierte, ethisch qualifizierte KI aufrechtzuerhalten.
KI KOMPASS: Sie haben die AI Factory erwähnt. Wie kommt die konkret einem KMU in Österreich zugute?
Michael Wiesmüller: Die AI Factory wurde dafür eingerichtet, mittelständischen Unternehmen (KMUs) und Start-ups den Zugang zu KI-Technologien zu erleichtern und die Umsetzung von KI-Projekten in Österreich zu fördern. Das reicht von Einstiegsberatung über die Vermittlung von KI-Experten bis zur Durchführung von Schulungen und Workshops, der Projektbegleitung bei der Umsetzung, dem Zugang zu Hochleistungsrechnern oder der Vernetzung mit anderen Akteuren des Ökosystems. Wir wollen die Factory zu einem Hub ausbauen, an dem viele unterschiedliche Expertisen versammelt sind. Wir wollen, dass hier ein starkes lokales Ökosystem entsteht, das eine Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hat.
Zur Person

Michael Wiesmüller ist Leiter der Abteilung „Digitale- und Schlüsseltechnologien für industrielle Innovation“ im Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur. Er war unter anderem als Unternehmensberater bei A.T.Kearney tätig und vertritt Österreich bei diversen Gremien der EU. Zu den Initiativen seines Ministeriums zählt etwa die AI Factory.







