Weniger Abhängigkeit von US-Firmen wie OpenAI und Google. Das wünschen sich so manche KI-Interessierte in Europa schon länger. In Wien soll dafür ein wichtiger Schritt gesetzt werden: Mit seiner gleichnamigen KI-Plattform will das Start-up eustella einen dezidiert europäischen Weg einschlagen. Matteo Rosoli, CEO und einer der vier Gründer, erklärt, wie das gehen soll.
KI KOMPASS: Die offene Beta von eustella ist kostenlos. Wie sieht Ihre Monetarisierungsstrategie nach dem offiziellen Launch aus?
Matteo Rosoli: Wir setzen auf ein klassisches Freemium-Modell mit einem bewusst attraktiven Pricing – in Teilen deutlich unter dem, was die US-Konkurrenz verlangt. Der Einstieg bleibt bei null Euro, jeder kann eustella also ausprobieren und in den Alltag integrieren, ohne sofort die Kreditkarte zücken zu müssen. Darüber hinaus staffeln wir monatliche Abo-Preise nach Token-Menge, also nach tatsächlicher Nutzung. Wer mehr delegiert, zahlt mehr. Wer nur gelegentlich Aufgaben auslagert, kommt sehr günstig oder kostenlos weg. Uns geht es darum, dass europäische Souveränität nicht zum Premium-Aufpreis wird, sondern für alle leistbar bleibt.
KI KOMPASS: Sie hosten auf europäischen Servern. Wie wichtig ist es für Nutzer und Unternehmen, dass ihre Daten Europa nicht verlassen?
Matteo Rosoli: Sehr wichtig – und die Zahlen belegen das eindrucksvoll. In einer aktuellen repräsentativen Umfrage von O2 Telefónica halten es fast 90 Prozent für wichtig, dass digitale Dienste und Technologien in Europa weniger abhängig von außereuropäischen Anbietern werden, und 65 Prozent bevorzugen E-Mail-Dienste, Apps oder Cloud-Speicher von europäischen Anbietern. Bemerkenswert ist auch: Jeder Dritte nutzt sie bereits heute, ein weiteres Drittel plant zu wechseln oder denkt aktiv darüber nach. Das Thema ist also längst nicht mehr nur eine Sache von Datenschutz-Spezialisten, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Für Unternehmen kommt der regulatorische Aspekt dazu: Wer mit sensiblen Kundendaten oder Geschäftsgeheimnissen arbeitet, kann es sich schlicht nicht leisten, dass diese auf US-Servern unter dem Cloud Act liegen. Genau diese Lücke schließen wir.
Die Software ist komplett bei uns in Wien entwickelt.
KI KOMPASS: Abgesehen vom Hosting: Wie viel Europa steckt wirklich in eustella?
Matteo Rosoli: Deutlich mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Die Software ist komplett bei uns in Wien entwickelt – das ist europäisches Engineering, kein White-Label-Produkt mit EU-Aufkleber. Auf der Modellseite setzen wir unter anderem auf Mistral-Modelle aus Frankreich, und unsere Server stehen etwa bei der IONOS Cloud oder bei Scaleway in Frankreich. Entscheidend ist: Auch die chinesischen und US-amerikanischen Open-Weights-Modelle, die wir einsetzen, laufen vollständig auf europäischer Infrastruktur, und eben nicht bei US-Hyperscalern. Das ist der zentrale Unterschied. Es geht nicht darum, woher ein Modell ursprünglich kommt, sondern darum, wo es läuft und wer die Kontrolle über die Daten hat. Und diese Kontrolle bleibt bei uns in Europa.
KI KOMPASS: Sie sagen, die Kontrolle ist entscheidend. Was passiert aber, wenn ein Anbieter wie Google den Zugang zu seinen Modellen beschränkt?
Matteo Rosoli: Diese Sorge nehme ich ernst, aber sie greift zu kurz. Google könnte realistisch nur den Zugang zu künftigen Modellen beschränken, würde eustella aber damit niemals einschränken. Dazu kommt, dass alles, was bereits als Open-Weights veröffentlicht ist, sich schwer zurückrufen lässt. Und abseits von Google: KI-Modelle ähnlicher Stärke sind heute schnell ersetzbar. Wir sind nicht von einem einzigen Anbieter abhängig, sondern können flexibel zwischen Modellen wechseln. Genau diese Architektur – Modellvielfalt statt Lock-in – ist unsere Versicherung gegen solche Szenarien. Die jüngste Geschichte rund um die Exportkontrollen bei Anthropics Fable– und Mythos-Modellen zeigt im Übrigen sehr anschaulich, warum man sich als Europa nicht von einer einzigen US-Bezugsquelle abhängig machen sollte.
KI KOMPASS: Wo liegen die größten Stärken von eustella – und wo müssen Sie noch nachbessern?
Matteo Rosoli: Der größte Vorteil ist die Kombination aus echter Datensouveränität, fairem Pricing und einem Ansatz, der über den klassischen Chatbot hinausgeht: eustella erledigt Aufgaben, statt nur Fragen zu beantworten. Dazu kommt ein europäisches Partner-Ökosystem mit Namen wie Ionos, Bitpanda und Geizhals, das echte Anwendungsfälle ermöglicht, und die Modellvielfalt, die ich gerade beschrieben habe. Es gibt Aufgabenbereiche, in denen US-Frontier-Modelle aktuell noch einen Vorsprung haben und unser Integrations- und Feature-Set bauen wir gerade erst breit aus. Wir versprechen hier nicht Perfektion ab Tag eins, sondern eine ehrliche, schnell besser werdende Alternative. Das Feedback aus der Community fließt direkt in die Entwicklung ein. Diese Transparenz ist mir lieber als großspurige Versprechen.
Regulierung ist nicht per se ein Standortnachteil, sondern eher einer unserer größten Export-Vorteile.
KI KOMPASS: Der Entwickler Peter Steinberger hat Europa kürzlich verlassen und unter anderem Überregulierung als Grund genannt. Wie bewerten Sie das?
Matteo Rosoli: Ich verstehe die Frustration dahinter, und man muss sie ernst nehmen, statt sie wegzuwischen. Bürokratie und langsame Prozesse sind ein reales Problem für Gründer in Europa. Gleichzeitig sehe ich es anders: Regulierung ist nicht per se ein Standortnachteil, sondern eher einer unserer größten Export-Vorteile. Klare Regeln zu Datenschutz und KI schaffen genau das Vertrauen, das uns als europäische Anbieter im Wettbewerb auszeichnet, und das viele Kundinnen und Kunden aktiv suchen. Mein Zugang ist, Europa von innen besser zu machen, statt es zu verlassen. Wenn die besten Köpfe gehen, gewinnt am Ende niemand. Wir haben uns bewusst entschieden, hier zu bauen, und ich bin überzeugt, dass das die richtige Wette ist.
KI KOMPASS: Ist ein eigener europäischer Weg bei KI technologisch und finanziell überhaupt machbar?
Matteo Rosoli: Ja, aber nicht, indem wir versuchen, jeden Schritt der US-Hyperscaler eins zu eins nachzubauen. Der entscheidende Punkt: Nicht jeder muss ein eigenes Frontier-Modell für hunderte Millionen trainieren. Durch starke Open-Weights-Modelle aus Europa, China und den USA sinken die Kosten massiv. Die eigentliche Wertschöpfung passiert zunehmend auf der Anwendungs- und Orchestrierungsebene. Genau dort liegt Europas Chance: nahe am Kunden, nahe am konkreten Anwendungsfall, mit Souveränität als Differenzierungsmerkmal. Finanziell bleibt Kapital die größte Herausforderung, das will ich nicht schönreden. Die Finanzierungsrunden in den USA und China sind um ein Vielfaches größer. Allerdings sieht man auch in Europa, dass die Finanzierung von KI enorm an Dynamik gewinnt.
KI KOMPASS: Wie garantieren Sie, dass eustella europäisch bleibt? Was passiert, wenn US-Investoren einsteigen wollen?
Matteo Rosoli: Eine absolute Garantie für alle Zeiten kann seriös niemand geben, der ehrlich ist. Aber wir haben bewusst Vorkehrungen getroffen. Unsere aktuelle Investorenbasis ist klar europäisch, mit Namen wie Hansi Hansmann und Hermann Futter. Europäische Souveränität ist nicht nur ein Marketing-Versprechen, sondern in unserer DNA und in unseren Strukturen verankert. Dass US-Kapital ins Spiel kommt, diese Frage stellt sich derzeit nicht. Wir nehmen jedenfalls kein Geld, das uns zwingen würde, genau das aufzugeben, wofür eustella überhaupt existiert.
KI KOMPASS: Hinter eustella steht die Wiener Newsrooms.AI, die unter anderem mit FFG-Fördergeldern entwickelt wurde. Was hat der österreichische Steuerzahler von eustella?
Matteo Rosoli: Eine ganze Menge und das ist mir wichtig zu betonen. Wir schaffen hochqualifizierte Arbeitsplätze in Wien, etwa in den Bereichen Engineering, Produkt und Kommunikation, und damit Wertschöpfung und Steuereinnahmen, die im Land bleiben. Wir bauen technologisches Know-how im Bereich KI-Agenten auf, das Österreich auf der Landkarte hält, statt diese Kompetenz vollständig ins Silicon Valley abwandern zu lassen. Die FFG-Förderung war Anschubfinanzierung für Forschung und Entwicklung, aus der jetzt ein konkretes, marktreifes Produkt entsteht – genau das ist der Sinn solcher Förderungen. Und ganz praktisch profitieren österreichische Bürgerinnen, Behörden und Unternehmen von einer souveränen Alternative, bei der sie nicht zwischen Bequemlichkeit und Kontrolle über ihre Daten wählen müssen. Das ist der Gegenwert: ein Stück digitale Unabhängigkeit, made in Austria.
KI KOMPASS: Nochmals zurück zur Abwanderung von Tech-Talenten: Werden Sie definitiv in Europa bleiben?
Matteo Rosoli: Ich verstehe, warum Sie nachhaken, denn das ist eine entscheidende Frage. Mein klares Bekenntnis: Europäisch zu sein ist kein temporäres Label, das wir bei der ersten Gelegenheit abstreifen. Es ist der gesamte Sinn des Projekts. Ein eustella, das nicht europäisch ist, wäre nicht mehr EUstella, dann hätte ich gleich für einen US-Anbieter arbeiten können. Niemand kann in die Zukunft sehen, und ich wäre unseriös, würde ich Schwüre für die nächsten dreißig Jahre leisten. Aber unsere Strukturen, unsere Investoren und meine persönliche Überzeugung zeigen alle in dieselbe Richtung. Ich bin bewusst hier geblieben, und ich habe nicht vor, das zu ändern.
Ich möchte die Champions-League hier ins Herz Europas bringen – hier nach Wien.
KI KOMPASS: Was treibt Sie persönlich an?
Matteo Rosoli: Unzählige Dinge. Unter anderem: Die EU ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit und mich sträubt der Gedanke, dass wir als EU und Europa bei der wichtigsten Tech-Revolution nicht mitreden können, obwohl wir eigentlich das Know-How dafür haben. Dazu kommt, dass die meisten meiner Kolleg:innen und Freund:innen entweder in die USA oder nach London “geflüchtet” sind, um entweder ihre Unternehmen dort zu gründen oder in ihrer fachspezifischen Champions-League mitspielen zu können. Weil es für sie in Österreich einfach nicht ging, und das kann es doch wirklich nicht sein. Ich möchte die Champions-League hier ins Herz Europas bringen – hier nach Wien.
Zur Person

Matteo Rosoli ist CEO des Start-ups eustella. Das Unternehmen entwickelt eine KI-Plattform für Web, iOS und Android, die Funktionen wie Recherche, Reiseplanung, Bildgenerierung und eigene KI-Agenten bündelt. Die Datenverarbeitung läuft auf europäischer Cloud-Infrastruktur; Nutzerdaten werden nach Firmenangaben nicht für das Training von KI-Modellen verwendet.
Mit einer Kombination aus mehreren Open-Weights-Modellen positioniert sich eustella als europäische Alternative zu den großen US-Anbietern. Über Schnittstellen zu Partnern wie Bitpanda und Geizhals fließen aktuelle Krypto- und Produktdaten in die Antworten ein, weitere Integrationen sind in Planung. Nach einer Testphase mit rund 5.000 Nutzern startete das Angebot am 25. Juni zu Preisen ab 5,99 Euro pro Monat.
Hinter eustella steht die Wiener AI Newsrooms Technology GmbH. Neben CEO Matteo Rosoli zählen Alexander Maitz, Bastian Kellhofer und Jakob Steinschaden zum Gründerteam. Die vier Gründer halten jeweils rund 19 Prozent der Gesellschaft. Weitere Anteile liegen bei der Compass-Gruppe und der Romulus Consulting GmbH von Johann Hansmann.







